Nanu, da lese ich heute einen Kommentar im Wann & Wo (zum E-Paper, Seite 36) über Socialmedia - und kein Twitter erwähnt? - Aber genau genommen ging es ja auch nur um die Möglichkeiten sich zu vernetzen, und Facebook wurde als Beispiel herangezogen. Von der Sorge mancher Menschen über den Rückzug ins Digitale ist die Rede, und am Ende des Beitrags steht, man solle seine Kinder, Enkel und andere junge Menschen befragen. Sie würden staunen festzustellen, wie breitbandig die Altersstruktur bei Facebook, Twitter & Co ist. Immer mehr über 50jährige scheinen die Online-Welt für sich zu entdecken, beginnen zu bloggen, zu twittern und stürzen sich auf neue Applikationen. Gelegentlich bin ich sogar erstaunt, wie bereitwillig sie Anwendungen Dritter auf ihre Profildaten zugreifen lassen. Auch ich bin nicht mehr so jugendlich, doch es sind eher meine Söhne die sich an mich wenden, wenn es um Web 2.0 Fragen geht als umgekehrt. "Schließlich kennst Du Dich ja aus", meinte mein Jüngerer neulich.
Wer eh schon zurückgezogen lebt, könnte dazu neigen, sich auf digitale soziale Interaktion zu beschränken. Das ist dann immerhin mehr soziale Interaktion als er sonst hätte. Und wie im richtigen Leben gibt es auch traurige Beispiele von Mobbing und Bashing, die durch die Leichtigkeit der Verbreitung und Vervielfältigung von Nachrichten hohen Impact erlangen können. Umso wichtiger ist es, Kinder und Jugendliche mental zu stärken und ihnen Rückhalt zu geben, so dass ihr Selbstwertgefühl nicht nur auf einer digitalen Säule aufgebaut ist, die von heute auf morgen einstürzen kann, wenn andere es darauf anlegen. In solchen Momenten sollten keine ganzen Welten zusammenbrechen.
Ansonsten habe ich die Erfahrung gemacht, dass digitale Netzwerke Wegbereiter sind, Menschen im realen Leben zusammenzubringen. Das begann bei mir bereits im letzten Jahrtausend, als ich meinen Partner über ICQ kennenlernte. Auch mittlerweile mehrjährige und nach wie vor gepflegte Freundschaften haben ihren Ursprung im Netz. Beruflich brachte mir Twitter den Durchbruch. Meine Ahnung, dass es auf diese Weise funktionieren könnte, ist schon etwas älter. Die erste Zeit investierte ich mich allerdings wirklich nur ins Blaue - so schien es jedenfalls. Doch die Investitionen kommen nach und nach zurück. Web 2.0 lebt von dem was Menschen geben. Um Geld geht es dabei erstmal nicht. Tatsächlich ist es die Freude am Entdecken und Tun die einen nicht nur stark motiviert, sondern auch geistig auf Trab hält. Vielfach kommt man selbst drauf, wie man eine bestimmte Anwendung einsetzen kann und will, so dass sogar die Entwickler ins Staunen geraten, was die Menschen mit ihren Codezeilen alles anstellen. Kreativität und soziale Kompetenz werden immer wichtiger. Hier kann der Mensch durchaus dazulernen, selbst wenn er bereits ausgewachsen ist.
Das Wesentliche an digitalen Netzwerken ist für mich, dass wir damit Vernetzungsstrukturen vor Augen haben, und dies das Verständnis für soziale und globale Zusammenhänge fördern kann, so wie das Bewusstsein, dass wir alle im selben Boot sitzen. Aus Mitgefühl zu handeln ist ganz klar Egoismus, denn das Gehirn rechnet ausnahmslos immer in die Richtung, in der die Wohlbefindensaussicht am Größten ist. Worin wir den angestrebten Wohlbefindensgewinn vermuten hängt wiederum sehr stark vom Volumen unseres Vorstellungsvermögens ab das umso größer wird, je mehr wir über das Leben anderer Menschen wissen. Integratives Denken berücksichtig mehr Menschen und mehr Aspekte. Das fördert eine vielschichtigere, der Komplexität von Menschen und Umgebung angemessenere Form von Egoismus (der letztlich ja dem nachhaltigen Überleben dienen soll). Manche sprechen gar schon von der digitalen (R)Evolution.
Twitter, Facebook & Co sind aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken. Arbeit und Privat trenne ich ohnedies schon lange nicht mehr. Schließlich habe ich es überall mit Menschen zu tun, um deren Wohl es ja schließlich geht, wenn ich für sie arbeite. Das klappt nur mit Sympathie. Trotz allem finde ich es richtig und wichtig, neue Entwicklungen zu hinterfragen und über mögliche Folgewirkungen nachzudenken. Soziale Netzwerke sind eine wunderbare Ergänzung und Bereicherung, aber sie sind nicht das ganze Leben.